14. August 2021 // Hundreds

Fensterputzer

Bio

Es gibt diese Alben, die einen genau im richtigen Moment erwischen. Klar, die muss jeder für sich finden und ein Text wie dieser sollte sich nicht anmaßen, die emotionale Wirkung des neuen, vierten Hundreds-Albums für jede und jeden vorherzusehen. Aber aus der Erfahrung des Autors dieser Zeilen sei gesagt: „The Current“ ist die perfekte Platte, wenn man gerade durch die letzten dunklen Tage des Winters schleicht, weltenmüde von all den beschissenen Nachrichten, die einem jeden Morgen den Kaffee vergrätzen, und es kaum erwarten kann, dass bald endlich wieder der Frühling vor der Tür steht und uns Hoffnung gibt. Dann kommt dieses Album, packt einen mit dieser erst sanften dann bestimmten Strömung und zieht einen langsam heraus – aus dem Stimmungsloch, aus dem Pessimismus, aus der wehleidigen Lethargie, aufs offene Meer. „Dark times are over now, we scared them off, and it all begins“, singt Eva Milner gleich im ersten Lied, eine Schlüsselzeile, durchaus programmatisch gemeint.

„Vessel In The Sky“ heißt der Song und verbindet wieder all das, was man an der Musik von Eva und Philipp Milner so liebt: Die Geschwister verstehen es wie wenige in der deutschen Poplandschaft das Organische mit dem Elektronischen zu verweben, große Melodien und Emotionen mit einem steten Puls aus elektronischen Beats und Synths unterlegen, der einem schnell unter die Haut kriecht. Keine Bange also: Happy-go-lucky-Pop muss man bei Hundreds nun nicht erwarten, aber die Klangfarbe ist heller, die Attitüde kämpferischer.

„Ja. Das ist für mich das Prinzip Hoffnung“, erklärt Eva im Interview. „Auch wenn es mir schwerfällt, das auf Dauer aufrecht zu erhalten. Aber was anderes bleibt uns ja letztendlich nicht übrig. Immer nur verzweifeln, bringt dich ja auch nicht weiter. Ich habe mal probiert, wie weit das geht bei mir.“ Das war beim Vorgänger noch nicht in Sicht.

„Wilderness“ war ein dunkler, faszinierender Brocken mit apokalyptischem Grundton in Text und Musik. Ein Blick auf die Wunden, die der Mensch der Natur schlägt. Eigentlich der perfekte Soundtrack für unsere Zeiten, für „Fridays For Future“ und „Extinction Rebellion“. Eva Milner lacht leise, wenn man sie auf diese Erkenntnis hinweist. Und gesteht: „Ist uns auch aufgefallen, dass diese Themen gerade präsenter denn je sind und wir vielleicht ein wenig zu früh dran waren damit. Andererseits ist das ja ein altes Thema in der Kunst. Wie lange denkt die Menschheit schon, es geht bald zu Ende? Diese düstere Stimmung ist auch immer noch da, aber musikalisch muss ich das jetzt gerade nicht mehr machen.“ Nur einmal gibt sie sich auf „The Current“ noch der Weltenangst hin, im geisterhaften „The Bombs“, das musikalisch eher ruhig daherkommt, lyrisch aber innerlich brodelt und die ein oder andere Explosion zündet: „On the verge of your extinction, your laughter’s golden bell / is ringing in the courtroom / and now we’re raising hell.“

„The Current“ hat dabei viele Facetten. Die verbindende und titelgebende Strömung wird eher von den Klang-Trademarks Philipps und Evas wie immer wunderschönen Gesang verursacht. „Vessel In The Sky“ ist musikalisch noch von der „Elektro Akustik“-Tour inspiriert, „Calling“ über das noch zu sprechen sein wird, beginnt als wehmütige Synths-Ballade und gönnt sich dann plötzlich erstaunlich groß angelegte Pop-Momente, „You’re The Storm“ klingt wie eine schlankere, zähe Version des klassischen Massive-Attack-Sounds, „Body Of Water“ ist Indietronic-Folk mit breitem Kreuz (ja doch, das geht) und klingt ein wenig wie Postal Service mit geballter Faust, „Riptide“ erinnert bisweilen an die Weite und die Atmosphäre einer Platte von The Album Leaf.

Evas oft mit Naturbildern arbeitende Lyrics und ihre Sicht auf die Welt lassen bisweilen an die ganz großen Namen Björk und Kate Bush denken. Außerdem verneigen sich Hundreds – ähnlich wie sie es schon bei Bon Iver getan mit ihrem „Flume“-Cover getan haben – mit „Consequence“ vor einer Band, die sie noch immer hoch verehren: The Notwist.

Einen ruhigen, steten Fluss, darf man bei Hundreds also weiterhin nicht erwarten. Das lässt auch das Albumcover des Grafikdesigners und Siebdruck-Künstlers Falk Schwalbe zu „The Current“ vermuten. Ehrlicherweise wollte es aber zunächst nicht so recht fließen – um im Bild zu bleiben – wie Eva zugibt. „Wir waren im letzten Jahr an einem Punkt, wo wir einfach nicht mehr weiterkamen, so wie wir bisher gearbeitet haben.“ Irgendetwas fehlte den Beiden: „Philipp und ich wissen immer relativ genau, wenn ein Song Hundreds ist. Es ist unser Anspruch, dass ein fertiger Song exakt dieses Gefühl bei uns beiden auslösen muss. Und das hat sich bei den ersten Kompositionen einfach nicht eingestellt.“ Die Lösung: Rausgehen, Neues erleben, „das Setting verändern.“

Philipp sei zum Beispiel eine Weile nach Berlin gefahren, für Sessions mit Kreativen, die er zuvor kaum kannte. Außerdem reiste der junge Produzent Lucas Herweg für einige Tage ins Hundreds-Studio. „Er hat entschieden dazu beigetragen, die Blockade aufzulösen und uns für neue Ideen geöffnet.“ In diese Zeit des Suchens und Findens fielen auch die zwei Konzerte mit dem hr-Sinfonieorchester in der Jahrhunderthallte Frankfurt, die Hundreds einen weiteren kreativen Kick gaben. Die Aufnahmen gibt’s noch bei YouTube anzuschauen – und man ist immer wieder ergriffen, wenn man sieht, wie Eva, Philipp und Hundreds-Drummer Florian Wienczny mit dem Orchester unter Leitung von Elim Chan und dem Multi-Perkussionist Simone Rubino musikalisch verschmelzen, flirten, ringen.

Soundtechnisch lässt sich der Mut zu neuen Wegen ziemlich genau an der Single „Calling“ festmachen: Sie beginnt mit wenig mehr als der Hundreds-DNA: Philipps Synths-Flimmern, ein Beat, der sich noch entscheiden muss, ob er euphorisch oder bedrohlich wirken will, und Evas sehnende, starke, zugleich coole und dramatische Stimme. Und dann plötzlich, nach 90 Sekunden, direkt nach einem Break, in dem man nur Eva hört, sprengen plötzlich Bläser den Song auf, ein Stadion-Pop-Moment, der an dieser Stelle überhaupt nicht cheesy wirkt sondern wie eine Art positiver Schlachtruf. Was auch an Evas Worten liegt: „I’ll raise another banner I’m raising my own banner.“ Eva lacht, wenn man ihr erzählt, dass man sich beim ersten Hören etwas erschrocken hat: „Ja, die Bläser waren Lucas‘ Idee. Das hätten wir uns vielleicht nicht getraut.“ Dass der Moment so knallt, liegt auch am Kontrast zum Thema des Songs und an Zeilen wie diesen: „I see you falling / falling apart / falling for yourself / and the stories you’ve made up I hear you howling in the dark and I won’t take part.“ Eva beschreibt hier nicht weniger als den Moment des Freikämpfens von einer emotional ungesunden Freundschaft, zu einem Menschen, der sich als chronischer Narzisst entpuppte.

Diese Momente des Freikämpfens, der Emanzipation finden sich gleich mehrfach auf „The Current“. Vielleicht weil auch Eva sich beim Songschreiben gelegentlich aus einer Sackgasse freikämpfen musste. „Irgendwann im März kam ich bei einigen Songs mit den Texten einfach nicht weiter.“ Die Rettung brachte ein Konzert in ihrer Wahlheimat Würzburg, im Café Cairo. Dort spielte damals Florian Sievers mit seinem Soloprojekt Das Paradies. Eva kannte ihn noch aus Leipzig-Zeiten und von dessen Band Talking To Turtles, die auch mal mit Hundreds auf Tour war. „Ich wusste also, dass er sehr gut auf Englisch texten kann und fragte ihn, ob ich mal auf ihn zukommen könnte.“ Konnte sie. Eva verbrachte einige Tage in Florians Studio in Leipzig und man schrieb zum Beispiel „Calling“ und „You’re The Storm“, das wenig mit dem Cardigans-Song gleichen Namens zu tun hat, sondern eher an Massive Attack denken lässt. „Body of Water“ wiederum hat sie mit der befreundeten Songwriterin Wallis Bird geschrieben – ein Perfect Match, nicht nur weil man sich versteht, sondern auch weil Wallis auf ihrem Album „Woman“ viele Motive und Themen verwendet, die auch bei Hundreds zu finden sind.

Was eine gute Gelegenheit ist, um noch einmal an den Vorabtrack „Ready, Shaking, Silent“ zu verweisen, der Eva besonders am Herzen liegt und das Thema aufgreift, das auch „Woman“ geprägt hat. Ein treibender, brodelnder, und ja, durchaus aggressiver Electro-Pop-Song, wie man ihn von Hundreds in dieser Form nicht erwartet hätte. „I will rip your words / out of your pretty mouth“, singt Eva in der ersten Strophe, „and I dig deep down / to take you out, / I’m setting fire to your scalp, hungry for the fight!“ Uff. Die Befreiung folgt im Refrain, der sich hymnisch über den Rest des Songs erhebt: „You’re in my way, / you hide you run from me, you can’t take a breath right next to me / I’m ready, shaking, silent ready shaking silent.“ Die Grundmelodie des Songs stammt dabei von Lily Among Clouds – eine gute Freundin von der beiden, die bei diesem Song an Eva denken musste. „Textlich ist es eine Abrechnung mit einer gewissen Sorte Mensch, oder besser: Mann, und eine Ansage, dass man sich nix erzählen lässt“, erklärt Eva. „Ich würde es durchaus feministisch deuten, als Kampfansage an das Patriarchat, auch wenn das immer etwas platt klingt. Aber das trifft die Sache. Es geht um Solidarität unter Frauen, und dass man seine Stimme erhebt. Sich selber über den Weg traut. Mich macht das Thema Gleichberechtigung einfach fürchterlich wütend, weil es viel zu langsam vorangeht und die Ungleichheit immer noch sehr tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Bis Ende zwanzig hätte ich selbst noch gesagt, alles sei in Ordnung, ich werde doch gar nicht diskriminiert als Frau. Bis ich merkte, wie falsch ich liege. Das war immer da, ich bin nur so aufgewachsen, dass ich all diese Momente für normal hielt. Wenn du dich mit dem Thema erstmal beschäftigst – und das habe ich in den letzten Jahren sehr intensiv getan – musst du auch aufpassen, dass du nicht nur noch das siehst. Dieses Lied ist deshalb so was wie mein Befreiungsschlag.“

„The Current“ ist also mitnichten das Produkt zweier familiär verwachsener Geschwister, die im abgelegenen Waldstudio symbiotisch an Hundreds feilen. Dieses Bild ist zwar ein gerne bemühtes, aber ein falsches. Deshalb kommunizieren Hundreds so offen, wo sie sich Inspiration und Hilfe holten. „Dass wir Geschwister sind ruft natürlich bestimmte Projektionen wach, aber für mich ist Philipp zwar mein Bruder aber in erster Linie auch ein Arbeitskollege. Wir haben durch die Erfahrungen mit diesem Album beschlossen, das Bild von uns selbst ein wenig zu justieren und den Begriff Hundreds zu erweitern.“ Verbildlicht wird das auch durch das aktuelle Bandfoto, bei dem zum ersten Mal Drummer Florian Wienczny zu sehen ist. „Wir wollen, dass es etwas inklusives hat und zum Beispiel neben all den Künstlerinnen und Künstlern, die uns helfen, inspirieren und auf Tour begleiten, auch das Publikum dazu gehört.“ Eine Aussage, die sich gut an den kommenden Live-Plänen der Band ablesen lässt. Hundreds wissen, dass auch und vor allem die Konzert-Erfahrung dafür sorgte, dass sie heute zu den erfolgreichsten deutschen Indie-Acts zählen. Und Eva gibt zu: „Wenn wir die finalen Mixe machen, denken wir schon manchmal: Auf DIESEN Part freu ich mich live besonders.“

Foto: J. Konrad-Schmidt

Socials

Info

Datum: 14. August 2021

Beginn: 20 Uhr

Ort: Innenhof des Landesmuseums, Große Bleiche 49-51, 55116 Mainz

Einlass frühe Vögel: 18 Uhr (inkl. Freigetränk)

Einlass Afterwork: 19 Uhr

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